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Vom Verstand zum Mind – Wie wir im Alter mental stärker werden können

In diesem Posting geht es mir um einen echten Paradigmenwechsel: vom reinen Erhalt unserer mentalen Leistungen im Alter zur echten Entfaltung!

Wir hören überall: „Trainiere dein Gehirn, um den Abbau zu verlangsamen!“ Das klingt wie ein Kampf gegen das Unvermeidliche! Doch was, wenn das Altern nicht nur eine Herausforderung, sondern eine neue Chance für unsere mentale Entwicklung bietet? Statt uns nur auf den Erhalt kognitiver Fähigkeiten zu beschränken, können wir unser Gehirn neu nutzen, unsere Intuition, Weisheit und Kreativität entfalten und geistig weiterwachsen. Es geht nicht darum, weniger zu verlieren – sondern darum, mehr zu gewinnen. Wir sollten uns daher fragen: Wie kann ich mein geistiges Potenzial im Alter wachsen lassen und voll ausschöpfen?

Take away

  • Geistiges Wachstum endet nie – Unser Gehirn kann sich bis ins hohe Alter weiterentwickeln.

  • Vom Wissen zur Weisheit – Intuition, Weitblick und Bewusstsein gewinnen an Bedeutung.

  • Begeisterung ist der Schlüssel – Emotionale Stimulierung fördert geistige Fitness.

  • Meditation schafft Balance – Sie stärkt die rechte Gehirnhälfte und verbessert kognitive Funktionen.

  • Innerer Dialog formt Realität – Ersetze „Ich werde vergesslicher“ durch „Ich werde smarter“!

 

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PARADIGMENWECHSEL: VOM GEISTIGEN ERHALT ZUR GEISTIGEN ENTFALTUNG IM ALTER!

Auf wenig anderes sind wir so stolz wie auf unseren Verstand und unser Wissen! Von klein auf werden wir darauf getrimmt, dass viel Wissen und ein scharfer Verstand die höchsten Güter sind und daher werden wir auch nach unserer Denkleistung und unserem Intellekt beurteilt. In der Schule, während der Ausbildungszeit und das ganze Berufsleben lang ist es darum gegangen Wissen anzusammeln, gute, rationelle Entscheidungen zu treffen oder Expertise zu beweisen. Die Gedanken, die wir uns im Lauf unseres Lebens gemacht haben, prägen heute unsere Persönlichkeit zumindest zu einem großen Teil. Und so ist auch die Angst groß, dass wir Denken, Verstand und Ratio im Alter verlieren könnten.

Ich habe viel zu den Themen geistige Fitness und Mental Self Care im Alter recherchiert und traf dabei auf unzählige deprimierende Statistiken über den Abbau der mentalen Fähigkeiten und über den Vormarsch von Demenzerkrankungen in unserer Gesellschaft. In Deutschland sind derzeit 1,8 Millionen Menschen an Demenz erkrankt, das sind 8,5 % aller Personen über 65 [2] und diese Zahl soll sich bis 2050 nahezu verdoppeln! Umfragen haben ergeben, dass mehr als jeder zweite (!) Angst hat, im Alter an Demenz zu erkranken, also vor dem Verlust unseres Verstandes! [3] Was für eine deprimierende Ausgangslage!

Weiters findet man auch viele Methoden und Übungen, wie man dem geistigen Abbau begegnen kann. Selbst die EU hat einen EU-Compass for Action on Mental Health and Well-being herausgegeben. Es gibt viele gute Programme und viele Übungen und sie sind mit Sicherheit gut, aber für mich als älteren Menschen war nichts dabei, was mich so richtig begeistert hat. Denn für mich liegt der gesamte Fokus viel zu sehr nur auf dem maximalen Erhalt der kognitiven Leistungen, also darauf, dem Abbau bestmöglich entgegenzuwirken. Dieser einseitige Fokus klingt für mich wie ein Kampf, den man nicht gewinnen kann.

Ich habe dazu ganz andere Gedanken

Was wäre, wenn unsere geistige Entwicklung jetzt nochmal so richtig los geht?
Was wäre, wenn wir im Alter unser Gehirn völlig neu zu benützen lernen?
Was wäre, wenn wir im Alter unsere mentalen Leistungen zu neuen Höhen führen könnten?
Was wäre, wenn wir tatsächlich vom Wissen zur Weisheit wechseln können und damit auch für Junge interessant bleiben?

Für mich ist das sehr real und vor allem alternativlos! Ich möchte definitiv nicht meine Zeit hier in diesem Leben mit Sudoku oder sonstigen Spielen verbringen (auch wenn ich sie ehrlicherweise manchmal selber gerne mache). Der Weg heißt für mich vom Verstand zum Mind und öffnet das Tor zu unseren Weisheitsjahre.

WORIN LIEGT DER UNTERSCHIED ZWISCHEN VERSTAND UND MIND?

Der Begriff MIND kommt aus dem Englischen und ich verwende ihn, weil es dafür im Deutschen keinen gleichwertigen Begriff gibt. Der Unterschied ist kurz zusammengefasst: Während der Verstand sich hauptsächlich auf kognitive und analytische Fähigkeiten konzentriert und mit dem Gehirn (insbesondere dem Frontallappen) assoziiert wird, umfasst der Mind das gesamte Spektrum mentaler Aktivitäten, einschließlich Emotionen, Wahrnehmungen, Intuition und Bewusstsein, spirituelle Erfahrungen und lässt sich nicht ausschließlich auf das Gehirn beschränken. Manchmal verwendet man im Deutschen dafür den Begriff Geist, der aber auch völlig unterschiedlich interpretiert wird. Für mich steht der Geist über dem MIND und umfasst die höheren Ebenen des Bewusstseins. [4]  MIND beinhaltet also viel mehr als der rationale Verstand und man kann ihn trainieren.

UNSERE GEHINRHÄLFTEN – DER MEISTER UND SEIN DIENER

Ian McGilchrist, britischer Psychiater, Neurowissenschaftler und Philosoph, zeigt mit seinen Forschungen, dass die zwei Gehirnhälften zwar dieselben Grundfunktionen erfüllen, aber auf sehr unterschiedliche und komplementäre Weise. [5] Wie wir die Welt interpretieren und erleben, hängt davon ab, ob diese beiden Gehirne im Gleichgewicht arbeiten oder ob eines von ihnen dominant ist. Das wiederum prägt die Welt, in der wir leben. „Die beiden Hemisphären haben jede für sich einen eigenen Stil, eine eigene Sicht auf die Welt, wenn man so will. Sie sehen die Dinge unterschiedlich. Sie setzen unterschiedliche Prioritäten. Sie haben unterschiedliche Werte[6]

 

Rechte Hämisphäre ist links, linke Hämisphäre ist rechts

RSA ANIMATE: The Divided Brain [7]

 
  • Die linke Hemisphäre (die McGilchrist als "Emissary“, als Abgesandter, bezeichnet) ist analytisch, detailorientiert und neigt zu abstraktem, kategorisierendem Denken, bringt fokussierte Aufmerksamkeit zum Detail - begreift Dinge.

  • Die rechte Hemisphäre (die er als „Meister“ bezeichnet) – mit ihrer breiten, wachsamen Aufmerksamkeit stellt die Beziehung zum Umfeld dar. Sie hat einen ganzheitlichen, intuitiven Zugang zur Welt und erfasst Komplexität, Kontext – versteht Zusammenhänge.

In unserer modernen, westlichen Welt dominiert der Fokus auf die linke Hemisphäre – die ich mit dem VERSTAND assoziiere. Unsere ganze Schulbildung und beruflichen Herausforderungen sind dadurch geprägt. Diese Dominanz führt zur fragmentierten, mechanistischen Weltsicht, die das Ziel im Detail und nicht in der Ganzheitlichkeit sucht. McGilchrist argumentiert, dass diese Dominanz der linken Hemisphäre sogar potenziell negative Folgen für unsere Kultur und unser Verständnis der Realität hat und plädiert für eine Wiederherstellung des Gleichgewichts zwischen den Hemisphären, um eine ganzheitlichere und bedeutungsvollere Wahrnehmung der Welt zu ermöglichen – ich assoziiere das mit dem Begriff MIND.

 

RSA ANIMATE: The Divided Brain

 

“The intuitive mind is a sacred gift.
The rational mind is a faithful servant.
We have created a society that honors the servant
but has forgotten the gift.”
— Albert Einstein

WIE KOMMEN WIR VOM VERSTAND ZUM MIND?

Hier spielt die Meditationspraxis wieder einmal eine entscheidende Rolle. Viele meditative Praktiken fördern die rechte Hemisphäre. Bestimmte Bereiche werden vergrößert und aktiver als sie es sonst wären, wie man mit EEG gut nachweisen kann. Vor allem aber führt sie zu einer Balance der Gehirnhälften, also die Integration von kreativem, analogem Denken zu analytischem Denken. Meditation kann zur Verbesserung der kognitiven Funktionen beitragen, indem sie die Dichte der grauen Substanz im Gehirn erhöht. Die graue Substanz ist für die Verarbeitung von Informationen, das Gedächtnis und die Entscheidungsfindung verantwortlich.

Für mich sind die folgenden drei Punkte die wichtigsten Zutaten für die Entwicklung zum Mind.

Begeisterung – Wie ich schon in einem eigenen Post beschrieben habe, ist nach Gerald Hüther (Neurowissenschaftler) die Begeisterung der Dünger für das Gehirn. Unser Gehirn ist lebenslang lernfähig, es ändert sich durch Umbauprozesse permanent bis ins hohe Alter. Allerdings ist das Gehirn weder eine Maschine, noch kann man es wie einen Muskel trainieren, sondern es braucht eine emotionale Stimulierung. Begeisterung sendet jene Botenstoffe aus, die die Umbauprozesse anstoßen damit neue Netzwerke aufbaut werden. Wenn diese Voraussetzung – also Begeisterung – nicht zustande kommt, passiert auch nichts im Gehirn! Menschen, die lustlos in eingefahrenen Verhaltensmustern leben, schaffen keine Regeneration und keinen Wiederaufbau. Schon aus diesem Grund können wir uns doch nicht damit zufriedengeben, unsere mentalen Leistungen im Alter bestenfalls zu erhalten!

Meditation und Achtsamkeit – ich habe schon so oft über Meditation gesprochen, aber bitte erlaubt mir, dass ich es einfach immer und immer wieder sage: Es ist die Meditationspraxis, die den Monkey Mind [8] zur Ruhe bringt, die die rechte Gehirnhälfte stimuliert und dir, und uns allen, spirituelle und intuitive Erfahrungen ermöglicht. Das ist es, was wir speziell auch im Alter dazulernen können, wenn wir uns vom Verstand zum Mind entwickeln wollen.

Genau das hat auch das EU Forschungsprojekt Silver Santé Study [9] gezeigt: regelmäßig meditierende Personen über 65 haben deutlich bessere kognitiven Leistungen als nicht Meditierende. Insbesondere die Aufmerksamkeit, Merkfähigkeit und der emotionale Zustand sind viel besser. Diese Forschungsergebnisse zeigen auch, dass durch regelmäßige Meditation das Demenzrisiko verringert werden kann!

Neues suchen und ein positiver innerer Dialog – Im eigenen Meer der Glaubenssätze zu verharren, macht alt. Alterslos sind wir nur, wenn wir immer wieder aus dem Konstrukt unserer Glaubenssätze ausbrechen. Also wenn wir uns dazu bereit erklären, die Welt auch einmal ganz anders zu sehen und zu erleben - auch oder besonders dann, wenn es sich ungewöhnlich anmutet.

Wenn du dein Gehirn optimal nützen möchtest, darf es nicht mit negativen Gedanken oder einschränkenden Glaubenssätzen zugemüllt sein, denn dann dreht es sich nur mehr um sich selbst. Beobachte dich einmal beim Denken: Wie schätzt du die Qualität deiner Gedanken ein, das sind übrigens 60.000 bis 80.000 pro Tag! Sind sie überwiegend neutral, negativ oder positiv? Welche Grundstimmung erzeugen sie, eine eher optimistische, lösen sie Freude, Zuversicht, Vertrauen aus oder sind sie eher pessimistisch? Welche Gedanken gehen im Kreis, ohne dass du einen Ausweg findest? Beziehen sich deine Gedanken überwiegend auf die Vergangenheit, die Zukunft oder das Jetzt? Erhöhen sie deine Energie oder ziehen sie dich runter?

Hier die Statistik: 95% aller unserer Gedanken sind repetitiv und bringen nichts Neues! Im Normalfall überwiegen die neutralen Gedanken, gefolgt von negativen Gedanken. Positive Gedanken sind der geringste Anteil, wenn man sich nicht bewusst darauf fokussiert.[10] Erstaunlicherweise fällt uns das nicht immer leicht, und nicht selten hat daher der Innere Dialog eine negative oder kritische Note.

Tipp: Wenn du deinem Inneren Dialog auf die Schliche kommen willst, dann sprich eine Zeitlang immer wieder deine Gedanken aus! Das kann ganz leise sein, aber hör dir dabei zu. Du wirst merken, dass das gar nicht so einfach ist. Denn dein Innerer Dialog ist oft so viel schneller und unterschwellig. In jedem Fall wirst du ein Gefühl für deinen Gedankenstrom bekommen und manchmal kannst du gleich mit einer Gegenfrage, einem positiven Statement oder Affirmation dagegen anreden.

Grundvoraussetzung für unser Wohlbefinden und unseren mentalen Aufbruch sind ein unterstützender und freundlicher innere Dialog. Daher hat der Gedanke Ich werde immer vergesslicher keinen Platz mehr in deinem Kopf und du solltest ihn schleunigst durch Ich werde immer smarter ersetzen! 😊

Es ist zugegebener Weise nicht ganz leicht, aus einer Gedankenroutine auszubrechen. Es gehört viel Achtsamkeit dazu und man muss sich immer und immer wieder an der Nase nehmen, dem Gedankenkarussell ein STOP verordnen und die Aufmerksamkeit in die Richtung lenken, die einen mit Freude erfüllt. Aber es lohnt sich allemal!

AUFBRUCH IN UNSERE WEISHEITSJAHRE

Mit diesem Paradigmenwechsel beginnt der Aufbruch in unsere Weisheitsjahre. Wenn wir uns in den Weisheitsjahren vom Verstand zum MIND entwickeln, erweitert sich unsere Sichtweise automatisch und wir nützen viel mehr Bereiche unseres Gehirns. Wir können also im Alter ganz bewusst jene Fähigkeiten ausbauen, die zu Intuition, Weitsicht und gelassener Reflexion etc. führen, alles Fähigkeiten, die auch unsere Gesellschaft dringend braucht. Zusätzlich bringt uns das Alter – bewusst erlebt - neue positive Erlebnisse und Erkenntnisse, die man davor noch nicht kannte und die auch nur im Alter erlebbar sind.

Das bezeichne ich als den Weg vom Verstand zum Mind – vom Wissen zur Weisheit. Vielleicht ist das auch ein Ansatz, der dich begeistern könnte?

As we begin to navigate the wisdom years,
we begin to move out of the sphere of achievement and ambition
into the sphere of enjoyment and appreciation
and opening to the wonder of it all.
- Joseph Campbell

Herzlichst
Helga

[1] Mercedes Benz Left Brain Right Brain print ads  

[2] DZNE Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen e. V.Fakten zu Demenz Stand 2024

[3] DAK Gesundheit: Deutsche haben immer mehr Angst vor Krankheiten 2024

[4]  Der Begriff Geist wird je nach Wissenschaft sehr unterschiedlich definiert: in der Medizin und Neurowissenschaften als Produkt der Gehirnfunktionen, in der Psychiatrie und Psychotherapie als Gesamtheit der psychischen Funktionen, in der Psychologie als Summe aller mentalen Prozesse und Verhaltensweisen und in der Theologie und der Energetik wird der Geist in einem spirituellen, transzendenten Kontext verstanden als göttlicher Geist, Seele, Teil einer höheren Ordnung der Realität, der über das Physische hinausgeht. In der Philosophie werden verschiedene Positionen diskutiert, vom Dualismus (Geist und Materie als getrennte Substanzen) bis zum Materialismus (Geist als Produkt physischer Prozesse) – Wenn man von Körper – Seele – Geist spricht, versteht also jeder etwas anderes darunter!

[5] Ian McGilchrist: The Master and his Emissary (2009), The Matter with Things (2021)

[6] CBC/Radio Canada: Neuroscientist argues the left side of our brains have taken over our minds  2021

[7]  RSA ANIMATE: The Divided Brain 2011

[8] Von einem Monkey Mind spricht man, wenn einen Sorgen, Gedanken, Befürchtungen, Grübeleien, Ängste, Aufgaben plagen und diese unkontrolliert durch den Kopf rasen, Er symbolisiert eine Horde von Affen, die wild herumhüpfen, sich von Ast zu Ast schwingen, kreischen und für unangenehme Unruhe sorgen.

[9] Medit-Ageing / Silver Santé Study - Investigating the impact of meditation training on mental health and wellbeing in the ageing population. Eine französische Studie unter der Leitung von Dr. Gael Chetelat - koordiniert vom französischen INSERM

[10] Lynn McTaggart – Power of 8 Masterclass 2021

Begeisterung ist Dünger für´s Gehirn!

Dieser Ausspruch von Gerald Hüther ist ebenso plakativ, wie passend, denn Begeisterung und Neugierde lassen uns jung bleiben!

Das ist mir jetzt im Sommer wieder richtig klar geworden, als uns meine Nichte und ihre beiden größeren Kinder besucht haben. Wir waren quasi Großeltern auf Zeit. Es war großartig zu erleben, mit welcher Offenheit, Neugierde und Begeisterung Kinder durch den Tag gehen. Sie haben uns damit richtig angesteckt und auf viele neue Ideen gebracht.

Als Erwachsene haben wir im Laufe unseres Leben gelernt Dinge durchzuplanen, Konsequenzen zu bedenken, Vor- und Nachteile abzuwägen und Risiken einzuschätzen, bevor wir etwas machen. All das ist natürlich gut, hat uns aber auch viele Filter beschert, mit denen wir das Leben betrachten. Und insbesondere können sie unsere Begeisterungsfähigkeit ordentlich einschränken. Vielleicht ist mir deshalb so zu Bewusstsein gekommen, wie sehr Kinder im Moment leben, voll Entdeckerfreude und Spontaneität stecken.

Daher möchte ich mein heutiges Posting der Neugierde und der Begeisterung widmen. Denn beides ist nicht nur in jungen Jahren wichtig, sondern ganz besonders auch in unserem Alter unverzichtbar.

Während ich dieses Posting geschrieben habe und in die Begeisterung eingetaucht bin, haben mich gleich mehrere deprimierende Nachrichten von Freunden und Verwandten erreicht und mir gehörige Dämpfer versetzt. Mir ist also sehr bewusst, dass genau dieses Posting manchmal im totalen Gegensatz zu Lebenssituationen stehen kann, in denen es sehr schwer -  vielleicht sogar unmöglich ist -  Begeisterung zu empfinden. Aber ich bin der festen Überzeugung, dass wir genau dann, wenn wir gut drauf sind, möglichst viele Methoden und Einstellungen (kennen-)lernen sollten, die uns danach helfen, mit Tiefschlägen besser umgehen zu können. Genau in diesem Sinne verstehe ich dieses und auch alle meine Postings.

Also lassen wir uns heute auf die Begeisterung ein!

Take away:

  • Unser Gehirn bleibt bis ins hohe Alter aktiv und “verrostet” nicht, wenn es mit überdurchschnittlichen positiven Emotionen, sprich Begeisterung, überschwemmt und mit Herausforderungen durch Neues konfrontiert wird.

  • Kinder erinnern uns daran, wie Begeisterung geht und wie man voll Intensität im Moment lebt.

  • Meine 4 Ideen, wie du deine Begeisterung (wieder) erwecken kannst.

 

Emily Suzuki

 

KINDER LEBEN BEGEISTERUNG

Meine Nichte ist in Japan zu Hause und hat mit ihren beiden Kindern (14 und 11) zwei Wochen Ferien bei uns gemacht. Es war für uns - nicht übertrieben - wie ein Jungbrunnen, ihnen u.a. Wien und den österreichischen Way-of-life zu zeigen, sowie österreichisches Essen gemeinsam zu kochen. Egal was es auch war – von den selbst gebackenen Salzstangerln über die Mithilfe auf einem Biobauernhof, die Straßenbahn oder das Schwimmen in der Alten Donau (und natürlich vieles andere mehr) - sie waren mit voller Präsenz und Begeisterung dabei! Durch ihre Augen haben auch wir für uns Alltägliches wieder bewusst erlebt und selbst „unser Wien“ wieder einmal neu und fasziniert gesehen.

Die Freude, die sie an all dem Neuen hatten, hat mich sehr an meinen ersten Aufenthalt in England in den 1960ern erinnert. Damals war ich 12 und das Leben in England war so anders, als bei uns zu Hause (von Minirock und den Beatles bis zu Fruchtjoghurt - all das gab es bei uns noch nicht). Ich weiß heute noch sehr gut, wie großartig ich mich damals gefühlt habe und wie es mich langfristig positiv beeinflusst hat. Selbst heute kann ich daran anschließen.

„BEGEISTERUNG IST DER DÜNGER FÜR UNSER GEHIRN“ (Gerald Hüther) [1]

Als ich die beiden so beobachtet habe, sind mir wieder viele Zitate von Gerald Hüther, dem bekannten deutschen Hirnforscher, eingefallen.

Er spricht davon, dass es die freudigen Emotionen sind, die unser Gehirn maßgeblich dazu anregen, aktiv zu sein. Kinder erleben Glücksgefühle sehr häufig am Tag und jedes Mal bekommt das Gehirn einen Wachstumsschub, das es zur Entwicklung braucht. Und wie oft überwältigt uns Ältere noch ein Sturm der Begeisterung? Oder tun wir nicht auch Sachen ab mit „Geh bitte, kenn ich eh schon!“

Unser Gehirn ist lebenslang lernfähig, denn es kann sich bis zum Lebensende durch Umbauprozesse weiter ändern. Allerdings ist es weder eine Maschine, noch kann man es wie einen Muskel trainieren, sondern es braucht eine emotionale Stimulierung. Nur dadurch werden die Nervenzellengruppen im Mittelhirn aktiv, schütten neuroplastische Botenstoffe aus und wirken damit wie ein Katalysator oder, bildlich gesprochen, wie Dünger, der die Umbauprozesse unterstützt. Wir können also bis ins hohe Alter neue Netzwerke im Gehirn aufbauen, vorausgesetzt, dass wir etwas machen, dass unsere positiven Emotionen in Gang setzt.

Im Umkehrschluss ist es wohl so, dass negative Emotionen zu Blockaden führen. Ihr kennt das sicher, wenn man z.B. Angst hat, scheint man im Kreis zu denken und es ist schwer neue, kreative Lösungen zu finden (mehr über Emotionen siehe Ärger, Wut, Nervosität & Co).

G. Hüther: „Wer das volle Potenzial seines Gehirns nutzen will, der muss seine Begeisterungsfähigkeit zurückgewinnen. Das Gehirn braucht die Anreize von Entdeckerfreude und Gestaltungslust. Begeisterung ist Doping für das Gehirn![1] Menschen, die lustlos in eingefahrenen Verhaltensmustern leben, immer dasselbe machen oder sich mit einer Vielzahl von Konflikten konfrontiert sehen, erzeugen keine neuen Netzwerke im Gehirn und ihre Gedanken verfestigen sich mehr und mehr. Lebendigkeit erfährt man, wenn man etwas macht, das neu ist und einen berührt, z.B. wenn man sich um etwas kümmert, das einem am Herzen liegt. Das regt das Gehirn an!

WENN WIR UNS DEM NEUEN VERSCHLIESSEN, SIND WIR ALT

Auch Michael Lehofer (Psychiater und Psychotherapeut) [2] meint, dass Alt-Sein darin liegt, zu glauben, eh schon alles zu wissen. Wenn man bis ins Alter jung bleiben will, muss man vorgefasste Meinungen immer wieder beiseite schieben und sich neu auf etwas einlassen. Dafür sind Diskussionen mit jungen Menschen so inspirierend. Nicht nur Kinder brauchen eine anregende Umgebung, auch Erwachsene und Senioren müssen immer wieder gefordert werden, denn das Gehirn will benützt werden.

Neues anzugehen ist allerdings auch eine Frage der Energie! Denn unser Gehirn verbraucht unglaublich viel Energie und Denken ist anstrengend. „Schon im Ruhezustand, wenn man gar nichts denkt, saugt das Gehirn etwa 20% der vom Körper bereitgestellten Energie weg. Sobald wir die Augen öffnen, zu denken anfangen oder gar ein Problem haben, steigt dieser Energiebedarf massiv an.“[3]

Daher ist es nicht verwunderlich, dass man mit dem Alter manchmal dazu neigt, Problemen aus dem Weg zu gehen, eingefahrenen Wegen zu folgen oder so weitermacht wie bisher, auch wenn es vielleicht keinen Spaß mehr macht. Um diese Komfortzone zu verlassen, muss daher etwas so wichtig sein, dass es den zusätzlichen Energieaufwand wert ist. Am Ende aber zahlt sich dieser Aufwand immer aus! Es ist offensichtlich ähnlich wie mit Bewegung, man weiß, dass sie einem gut tut, aber zuerst muss der innere, bequeme „Schweinehund“ überwunden werden.

Es sind also nicht die Sudokus, Kreuzworträtsel oder „Gehirnjoggings“, die unser Gehirn frisch und aktiv halten, sondern das „Sich-immer-wieder-auf-Neues“ einlassen! Und natürlich, viel Zeit mit z.B. Fernsehen, den ewig gleichen Computerspiele etc. zu verbringen wird selten Begeisterungsstürme auslösen, denn dabei ist unser Gehirn im Energiesparmodus und auf Stand-By. Und wir sagen dann manchmal auch, ich will eigentlich nur abschalten.

WIE DU IM ALTER WIEDER BEGEISTERUNG ENTFALTEST

Mit all diesen Informationen steht für mich außer Zweifel, dass wir uns wieder mehr und auch überschwängliche Begeisterung gönnen sollen, weil sie ein essentieller Bestandteil der Verantwortung uns selbst gegenüber ist. In unserem Alter muss man vielleicht etwas dafür tun, weil einem das „Be-Geisternde“ nicht mehr automatisch wie früher in den Schoß fällt.

Hier sind daher meine 4 Ideen, wie wir (wieder) mehr Begeisterung in unser Leben bringen:

  • Neues und Begeisterung erleben gehören an die Spitze deiner To-Do Liste!
    Früher waren auf meiner To-Do Listen fast nur jene Dinge drauf, die ich unbedingt machen musste. Der Rest hat sich halt so ergeben. Jetzt aber steht ganz oben: Was mache ich heute, das mein Gehirn mit Begeisterung füllen wird?

  • Schenk auch den kleinen Dingen Beachtung.
    Natürlich ist es toll etwas zu machen, das deine Sinne völlig überrascht. z.B. reisen oder im Windkanal „Fliegen“ ausprobieren (Darum brauchen wir Vergnügen, Humor und Spaß). Aber Momente der Begeisterung findest du viel öfter, wenn du kleinen Dingen Beachtung schenkst. Nur weil man einmal im Job vielleicht große Verantwortung für viele Menschen, Geld oder Projekte hatte, heißt das nicht, dass man jetzt am Selber-Salzstangerl-Backen keine Begeisterung entwickeln kann.

  • Egal in welchem Alter: hab keine Angst vor Neuem.
    Vor kurzem hat mir ein Freund (75) erzählt, dass er mit seiner Partnerin zum ersten Mal in seinem Leben mit dem Wohnmobil unterwegs ist. Sich so etwas spontan trauen, was man noch nie gemacht hat, das finde ich sehr cool! (Neues erleben, das Spaß macht)

  • Und nur ja nicht aufgeben! Das Gehirn liebt neue Lösungen!
    Wenn man Neues erlebt oder lernt kann es natürlich auch zu ungeplanten Schwierigkeiten kommen. Und das wollen viele heute ungern wahrhaben und vermeiden gerne die Konfrontation. („Da kann man halt nichts machen! Da kann man nichts ändern! Ist halt so“). Genau da sind Kinder unsere besten Lehrmeister! Sie bleiben trotzdem dran, auch wenn es manchmal Rückschläge gibt. Und wir konnten das auch. Denn wenn wir im Alter von ein oder zwei Jahren so schnell aufgegeben hätten, wie wir das jetzt manchmal tun, dann hätten wir nie gehen und sprechen gelernt! 😀

 Begeisterungsfähigkeit ist kein netter, kindlicher Zustand,
sondern die Voraussetzung für ein erfülltes Leben
bis ins hohe Alter.

Herzlichst
Helga

[1]    Hüther, Gerald: Begeisterung – Doping für das Gehirn; https://www.coaching-db.ch/2015/09/01/begeisterung-doping-f%C3%BCr-das-gehirn-prof-dr-gerald-h%C3%BCther/

[2]  Michael Lehofer: Alter ist eine Illusion. Wie wir uns von den Grenzen im Kopf befreien; GU 2020

[3]  Gerad Hüther: WÜRDE https://www.kulturvision-aktuell.de/gerald-huether-komfortzone-verlassen-vortrag-2017/