Gehirnentwicklung

Vom Verstand zum Mind – Wie wir im Alter mental stärker werden können

In diesem Posting geht es mir um einen echten Paradigmenwechsel: vom reinen Erhalt unserer mentalen Leistungen im Alter zur echten Entfaltung!

Wir hören überall: „Trainiere dein Gehirn, um den Abbau zu verlangsamen!“ Das klingt wie ein Kampf gegen das Unvermeidliche! Doch was, wenn das Altern nicht nur eine Herausforderung, sondern eine neue Chance für unsere mentale Entwicklung bietet? Statt uns nur auf den Erhalt kognitiver Fähigkeiten zu beschränken, können wir unser Gehirn neu nutzen, unsere Intuition, Weisheit und Kreativität entfalten und geistig weiterwachsen. Es geht nicht darum, weniger zu verlieren – sondern darum, mehr zu gewinnen. Wir sollten uns daher fragen: Wie kann ich mein geistiges Potenzial im Alter wachsen lassen und voll ausschöpfen?

Take away

  • Geistiges Wachstum endet nie – Unser Gehirn kann sich bis ins hohe Alter weiterentwickeln.

  • Vom Wissen zur Weisheit – Intuition, Weitblick und Bewusstsein gewinnen an Bedeutung.

  • Begeisterung ist der Schlüssel – Emotionale Stimulierung fördert geistige Fitness.

  • Meditation schafft Balance – Sie stärkt die rechte Gehirnhälfte und verbessert kognitive Funktionen.

  • Innerer Dialog formt Realität – Ersetze „Ich werde vergesslicher“ durch „Ich werde smarter“!

 

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PARADIGMENWECHSEL: VOM GEISTIGEN ERHALT ZUR GEISTIGEN ENTFALTUNG IM ALTER!

Auf wenig anderes sind wir so stolz wie auf unseren Verstand und unser Wissen! Von klein auf werden wir darauf getrimmt, dass viel Wissen und ein scharfer Verstand die höchsten Güter sind und daher werden wir auch nach unserer Denkleistung und unserem Intellekt beurteilt. In der Schule, während der Ausbildungszeit und das ganze Berufsleben lang ist es darum gegangen Wissen anzusammeln, gute, rationelle Entscheidungen zu treffen oder Expertise zu beweisen. Die Gedanken, die wir uns im Lauf unseres Lebens gemacht haben, prägen heute unsere Persönlichkeit zumindest zu einem großen Teil. Und so ist auch die Angst groß, dass wir Denken, Verstand und Ratio im Alter verlieren könnten.

Ich habe viel zu den Themen geistige Fitness und Mental Self Care im Alter recherchiert und traf dabei auf unzählige deprimierende Statistiken über den Abbau der mentalen Fähigkeiten und über den Vormarsch von Demenzerkrankungen in unserer Gesellschaft. In Deutschland sind derzeit 1,8 Millionen Menschen an Demenz erkrankt, das sind 8,5 % aller Personen über 65 [2] und diese Zahl soll sich bis 2050 nahezu verdoppeln! Umfragen haben ergeben, dass mehr als jeder zweite (!) Angst hat, im Alter an Demenz zu erkranken, also vor dem Verlust unseres Verstandes! [3] Was für eine deprimierende Ausgangslage!

Weiters findet man auch viele Methoden und Übungen, wie man dem geistigen Abbau begegnen kann. Selbst die EU hat einen EU-Compass for Action on Mental Health and Well-being herausgegeben. Es gibt viele gute Programme und viele Übungen und sie sind mit Sicherheit gut, aber für mich als älteren Menschen war nichts dabei, was mich so richtig begeistert hat. Denn für mich liegt der gesamte Fokus viel zu sehr nur auf dem maximalen Erhalt der kognitiven Leistungen, also darauf, dem Abbau bestmöglich entgegenzuwirken. Dieser einseitige Fokus klingt für mich wie ein Kampf, den man nicht gewinnen kann.

Ich habe dazu ganz andere Gedanken

Was wäre, wenn unsere geistige Entwicklung jetzt nochmal so richtig los geht?
Was wäre, wenn wir im Alter unser Gehirn völlig neu zu benützen lernen?
Was wäre, wenn wir im Alter unsere mentalen Leistungen zu neuen Höhen führen könnten?
Was wäre, wenn wir tatsächlich vom Wissen zur Weisheit wechseln können und damit auch für Junge interessant bleiben?

Für mich ist das sehr real und vor allem alternativlos! Ich möchte definitiv nicht meine Zeit hier in diesem Leben mit Sudoku oder sonstigen Spielen verbringen (auch wenn ich sie ehrlicherweise manchmal selber gerne mache). Der Weg heißt für mich vom Verstand zum Mind und öffnet das Tor zu unseren Weisheitsjahre.

WORIN LIEGT DER UNTERSCHIED ZWISCHEN VERSTAND UND MIND?

Der Begriff MIND kommt aus dem Englischen und ich verwende ihn, weil es dafür im Deutschen keinen gleichwertigen Begriff gibt. Der Unterschied ist kurz zusammengefasst: Während der Verstand sich hauptsächlich auf kognitive und analytische Fähigkeiten konzentriert und mit dem Gehirn (insbesondere dem Frontallappen) assoziiert wird, umfasst der Mind das gesamte Spektrum mentaler Aktivitäten, einschließlich Emotionen, Wahrnehmungen, Intuition und Bewusstsein, spirituelle Erfahrungen und lässt sich nicht ausschließlich auf das Gehirn beschränken. Manchmal verwendet man im Deutschen dafür den Begriff Geist, der aber auch völlig unterschiedlich interpretiert wird. Für mich steht der Geist über dem MIND und umfasst die höheren Ebenen des Bewusstseins. [4]  MIND beinhaltet also viel mehr als der rationale Verstand und man kann ihn trainieren.

UNSERE GEHINRHÄLFTEN – DER MEISTER UND SEIN DIENER

Ian McGilchrist, britischer Psychiater, Neurowissenschaftler und Philosoph, zeigt mit seinen Forschungen, dass die zwei Gehirnhälften zwar dieselben Grundfunktionen erfüllen, aber auf sehr unterschiedliche und komplementäre Weise. [5] Wie wir die Welt interpretieren und erleben, hängt davon ab, ob diese beiden Gehirne im Gleichgewicht arbeiten oder ob eines von ihnen dominant ist. Das wiederum prägt die Welt, in der wir leben. „Die beiden Hemisphären haben jede für sich einen eigenen Stil, eine eigene Sicht auf die Welt, wenn man so will. Sie sehen die Dinge unterschiedlich. Sie setzen unterschiedliche Prioritäten. Sie haben unterschiedliche Werte[6]

 

Rechte Hämisphäre ist links, linke Hämisphäre ist rechts

RSA ANIMATE: The Divided Brain [7]

 
  • Die linke Hemisphäre (die McGilchrist als "Emissary“, als Abgesandter, bezeichnet) ist analytisch, detailorientiert und neigt zu abstraktem, kategorisierendem Denken, bringt fokussierte Aufmerksamkeit zum Detail - begreift Dinge.

  • Die rechte Hemisphäre (die er als „Meister“ bezeichnet) – mit ihrer breiten, wachsamen Aufmerksamkeit stellt die Beziehung zum Umfeld dar. Sie hat einen ganzheitlichen, intuitiven Zugang zur Welt und erfasst Komplexität, Kontext – versteht Zusammenhänge.

In unserer modernen, westlichen Welt dominiert der Fokus auf die linke Hemisphäre – die ich mit dem VERSTAND assoziiere. Unsere ganze Schulbildung und beruflichen Herausforderungen sind dadurch geprägt. Diese Dominanz führt zur fragmentierten, mechanistischen Weltsicht, die das Ziel im Detail und nicht in der Ganzheitlichkeit sucht. McGilchrist argumentiert, dass diese Dominanz der linken Hemisphäre sogar potenziell negative Folgen für unsere Kultur und unser Verständnis der Realität hat und plädiert für eine Wiederherstellung des Gleichgewichts zwischen den Hemisphären, um eine ganzheitlichere und bedeutungsvollere Wahrnehmung der Welt zu ermöglichen – ich assoziiere das mit dem Begriff MIND.

 

RSA ANIMATE: The Divided Brain

 

“The intuitive mind is a sacred gift.
The rational mind is a faithful servant.
We have created a society that honors the servant
but has forgotten the gift.”
— Albert Einstein

WIE KOMMEN WIR VOM VERSTAND ZUM MIND?

Hier spielt die Meditationspraxis wieder einmal eine entscheidende Rolle. Viele meditative Praktiken fördern die rechte Hemisphäre. Bestimmte Bereiche werden vergrößert und aktiver als sie es sonst wären, wie man mit EEG gut nachweisen kann. Vor allem aber führt sie zu einer Balance der Gehirnhälften, also die Integration von kreativem, analogem Denken zu analytischem Denken. Meditation kann zur Verbesserung der kognitiven Funktionen beitragen, indem sie die Dichte der grauen Substanz im Gehirn erhöht. Die graue Substanz ist für die Verarbeitung von Informationen, das Gedächtnis und die Entscheidungsfindung verantwortlich.

Für mich sind die folgenden drei Punkte die wichtigsten Zutaten für die Entwicklung zum Mind.

Begeisterung – Wie ich schon in einem eigenen Post beschrieben habe, ist nach Gerald Hüther (Neurowissenschaftler) die Begeisterung der Dünger für das Gehirn. Unser Gehirn ist lebenslang lernfähig, es ändert sich durch Umbauprozesse permanent bis ins hohe Alter. Allerdings ist das Gehirn weder eine Maschine, noch kann man es wie einen Muskel trainieren, sondern es braucht eine emotionale Stimulierung. Begeisterung sendet jene Botenstoffe aus, die die Umbauprozesse anstoßen damit neue Netzwerke aufbaut werden. Wenn diese Voraussetzung – also Begeisterung – nicht zustande kommt, passiert auch nichts im Gehirn! Menschen, die lustlos in eingefahrenen Verhaltensmustern leben, schaffen keine Regeneration und keinen Wiederaufbau. Schon aus diesem Grund können wir uns doch nicht damit zufriedengeben, unsere mentalen Leistungen im Alter bestenfalls zu erhalten!

Meditation und Achtsamkeit – ich habe schon so oft über Meditation gesprochen, aber bitte erlaubt mir, dass ich es einfach immer und immer wieder sage: Es ist die Meditationspraxis, die den Monkey Mind [8] zur Ruhe bringt, die die rechte Gehirnhälfte stimuliert und dir, und uns allen, spirituelle und intuitive Erfahrungen ermöglicht. Das ist es, was wir speziell auch im Alter dazulernen können, wenn wir uns vom Verstand zum Mind entwickeln wollen.

Genau das hat auch das EU Forschungsprojekt Silver Santé Study [9] gezeigt: regelmäßig meditierende Personen über 65 haben deutlich bessere kognitiven Leistungen als nicht Meditierende. Insbesondere die Aufmerksamkeit, Merkfähigkeit und der emotionale Zustand sind viel besser. Diese Forschungsergebnisse zeigen auch, dass durch regelmäßige Meditation das Demenzrisiko verringert werden kann!

Neues suchen und ein positiver innerer Dialog – Im eigenen Meer der Glaubenssätze zu verharren, macht alt. Alterslos sind wir nur, wenn wir immer wieder aus dem Konstrukt unserer Glaubenssätze ausbrechen. Also wenn wir uns dazu bereit erklären, die Welt auch einmal ganz anders zu sehen und zu erleben - auch oder besonders dann, wenn es sich ungewöhnlich anmutet.

Wenn du dein Gehirn optimal nützen möchtest, darf es nicht mit negativen Gedanken oder einschränkenden Glaubenssätzen zugemüllt sein, denn dann dreht es sich nur mehr um sich selbst. Beobachte dich einmal beim Denken: Wie schätzt du die Qualität deiner Gedanken ein, das sind übrigens 60.000 bis 80.000 pro Tag! Sind sie überwiegend neutral, negativ oder positiv? Welche Grundstimmung erzeugen sie, eine eher optimistische, lösen sie Freude, Zuversicht, Vertrauen aus oder sind sie eher pessimistisch? Welche Gedanken gehen im Kreis, ohne dass du einen Ausweg findest? Beziehen sich deine Gedanken überwiegend auf die Vergangenheit, die Zukunft oder das Jetzt? Erhöhen sie deine Energie oder ziehen sie dich runter?

Hier die Statistik: 95% aller unserer Gedanken sind repetitiv und bringen nichts Neues! Im Normalfall überwiegen die neutralen Gedanken, gefolgt von negativen Gedanken. Positive Gedanken sind der geringste Anteil, wenn man sich nicht bewusst darauf fokussiert.[10] Erstaunlicherweise fällt uns das nicht immer leicht, und nicht selten hat daher der Innere Dialog eine negative oder kritische Note.

Tipp: Wenn du deinem Inneren Dialog auf die Schliche kommen willst, dann sprich eine Zeitlang immer wieder deine Gedanken aus! Das kann ganz leise sein, aber hör dir dabei zu. Du wirst merken, dass das gar nicht so einfach ist. Denn dein Innerer Dialog ist oft so viel schneller und unterschwellig. In jedem Fall wirst du ein Gefühl für deinen Gedankenstrom bekommen und manchmal kannst du gleich mit einer Gegenfrage, einem positiven Statement oder Affirmation dagegen anreden.

Grundvoraussetzung für unser Wohlbefinden und unseren mentalen Aufbruch sind ein unterstützender und freundlicher innere Dialog. Daher hat der Gedanke Ich werde immer vergesslicher keinen Platz mehr in deinem Kopf und du solltest ihn schleunigst durch Ich werde immer smarter ersetzen! 😊

Es ist zugegebener Weise nicht ganz leicht, aus einer Gedankenroutine auszubrechen. Es gehört viel Achtsamkeit dazu und man muss sich immer und immer wieder an der Nase nehmen, dem Gedankenkarussell ein STOP verordnen und die Aufmerksamkeit in die Richtung lenken, die einen mit Freude erfüllt. Aber es lohnt sich allemal!

AUFBRUCH IN UNSERE WEISHEITSJAHRE

Mit diesem Paradigmenwechsel beginnt der Aufbruch in unsere Weisheitsjahre. Wenn wir uns in den Weisheitsjahren vom Verstand zum MIND entwickeln, erweitert sich unsere Sichtweise automatisch und wir nützen viel mehr Bereiche unseres Gehirns. Wir können also im Alter ganz bewusst jene Fähigkeiten ausbauen, die zu Intuition, Weitsicht und gelassener Reflexion etc. führen, alles Fähigkeiten, die auch unsere Gesellschaft dringend braucht. Zusätzlich bringt uns das Alter – bewusst erlebt - neue positive Erlebnisse und Erkenntnisse, die man davor noch nicht kannte und die auch nur im Alter erlebbar sind.

Das bezeichne ich als den Weg vom Verstand zum Mind – vom Wissen zur Weisheit. Vielleicht ist das auch ein Ansatz, der dich begeistern könnte?

As we begin to navigate the wisdom years,
we begin to move out of the sphere of achievement and ambition
into the sphere of enjoyment and appreciation
and opening to the wonder of it all.
- Joseph Campbell

Herzlichst
Helga

[1] Mercedes Benz Left Brain Right Brain print ads  

[2] DZNE Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen e. V.Fakten zu Demenz Stand 2024

[3] DAK Gesundheit: Deutsche haben immer mehr Angst vor Krankheiten 2024

[4]  Der Begriff Geist wird je nach Wissenschaft sehr unterschiedlich definiert: in der Medizin und Neurowissenschaften als Produkt der Gehirnfunktionen, in der Psychiatrie und Psychotherapie als Gesamtheit der psychischen Funktionen, in der Psychologie als Summe aller mentalen Prozesse und Verhaltensweisen und in der Theologie und der Energetik wird der Geist in einem spirituellen, transzendenten Kontext verstanden als göttlicher Geist, Seele, Teil einer höheren Ordnung der Realität, der über das Physische hinausgeht. In der Philosophie werden verschiedene Positionen diskutiert, vom Dualismus (Geist und Materie als getrennte Substanzen) bis zum Materialismus (Geist als Produkt physischer Prozesse) – Wenn man von Körper – Seele – Geist spricht, versteht also jeder etwas anderes darunter!

[5] Ian McGilchrist: The Master and his Emissary (2009), The Matter with Things (2021)

[6] CBC/Radio Canada: Neuroscientist argues the left side of our brains have taken over our minds  2021

[7]  RSA ANIMATE: The Divided Brain 2011

[8] Von einem Monkey Mind spricht man, wenn einen Sorgen, Gedanken, Befürchtungen, Grübeleien, Ängste, Aufgaben plagen und diese unkontrolliert durch den Kopf rasen, Er symbolisiert eine Horde von Affen, die wild herumhüpfen, sich von Ast zu Ast schwingen, kreischen und für unangenehme Unruhe sorgen.

[9] Medit-Ageing / Silver Santé Study - Investigating the impact of meditation training on mental health and wellbeing in the ageing population. Eine französische Studie unter der Leitung von Dr. Gael Chetelat - koordiniert vom französischen INSERM

[10] Lynn McTaggart – Power of 8 Masterclass 2021